Renaissance1508

Das Gewitter

Giorgione

Das Auge des Kurators

"Ein Soldat und eine stillende Frau, getrennt durch einen Bach, unter einem von einem Blitz zerrissenen Himmel."

Das absolute Rätsel der venezianischen Renaissance: eine atmosphärische Landschaft, in der die Natur zur Hauptdarstellerin wird.

Analyse
Das Gewitter (La Tempesta), um 1506-1508 von Giorgione gemalt, ist das am meisten diskutierte Werk der italienischen Renaissance. Es markiert einen radikalen Bruch mit der Tradition: Das Thema ist weder offensichtlich religiös noch mythologisch, sondern scheint die Atmosphäre selbst zu sein. In dieser üppigen Landschaft beobachtet ein Mann links eine fast nackte Frau rechts, die ein Kind stillt. Zwischen ihnen deuten ein Bach und Ruinen auf einen Übergang zwischen Zivilisation und Wildnis hin. Der dunkler werdende Himmel erzeugt eine elektrische Spannung. Die stilistische Analyse offenbart das Genie des venezianischen "Tonalismus". Im Gegensatz zu den Florentinern baut Giorgione Formen durch Farbe und Licht auf. Die Landschaft ist kein Hintergrund; sie hat eine Seele. Die Beherrschung der atmosphärischen Perspektive ist hier auf ihrem Höhepunkt: Die Luft wirkt greifbar, feucht vor dem Regen. Der Kontrast zwischen den warmen Farben der Kleidung und den kalten, grünlichen Tönen der Landschaft erzeugt eine einzigartige melancholische Harmonie. Jedes Element lädt zu einer rein poetischen Betrachtung ein. Historisch spiegelt das Werk die Kultur der venezianischen Humanistenzirkel wider. Man sah in den Figuren Allegorien von Stärke und Nächstenliebe. Doch die Psychologie ist eine der Isolation. Die Blicke treffen sich nie; Mann und Frau scheinen verschiedenen Sphären anzugehören, nur verbunden durch die drohende Gefahr des Sturms. Dieses Werk verkörpert den Übergang zu einer Malerei der Empfindung, in der die Emotion aus dem Eintauchen des Betrachters in einen angehaltenen Zeit-Raum entsteht. Giorgiones Technik ist revolutionär. Er malt direkt auf die Leinwand ohne vorbereitende Zeichnung und nutzt Lasuren für Tiefe. Die abgebrochenen Säulen symbolisieren die Zerbrechlichkeit menschlicher Bauten gegenüber der Ewigkeit der Natur. Die Stadt in der Ferne wirkt unwirklich, wie eine Fata Morgana. Das Werk ist die Definition von "poesia" in der Malerei: ein Werk, das sein Geheimnis nicht preisgibt und durch seine evokative Kraft und mysteriöse Schönheit existiert.
Das Geheimnis
Das berühmteste Geheimnis wurde durch Röntgenaufnahmen enthüllt: An der Stelle des Soldaten hatte Giorgione ursprünglich eine andere nackte badende Frau gemalt. Dies beweist, dass er die Komposition rein visuell improvisierte. Neuere Analysen deuten darauf hin, dass der Blitz göttliches Eingreifen darstellen könnte. Die Debatte über die Identität der Figuren bleibt offen, von Adam und Eva bis zu klassischen Mythen.

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Institution

Gallerie dell'Accademia

Standort

Venise, Italien