Realismus1908
Der Kuss
Gustav Klimt
Das Auge des Kurators
"Ein Paar, das sich auf einem blühenden Abgrund umarmt, gehüllt in goldene Gewänder mit geometrischen Mustern, die das männliche und weibliche Prinzip symbolisieren, unter einem himmlischen Goldregen."
Als Höhepunkt von Klimts "Goldener Periode" verschmilzt dieses monumentale Werk Erotik, Spiritualität und byzantinische Ornamentik, um die fleischliche Liebe zu einer zeitlosen heiligen Ikone zu erheben.
Analyse
Entstanden zwischen 1907 und 1908, markiert "Der Kuss" den Gipfel der Wiener Secession. Nach den heftigen Kontroversen um seine Fakultätsbilder suchte Klimt nach einer neuen Ausdrucksform, die das Dekorative mit dem Existenziellen verbindet. Das Werk ist eine meisterhafte Synthese aus Fin-de-Siècle-Symbolismus und reiner Abstraktion. Der Goldgrund, inspiriert von den Mosaiken in Ravenna, entzieht die Szene jeglicher zeitlichen Einordnung. Klimt schafft hier ein "Gesamtkunstwerk" auf einer einzigen Leinwand, das die Sehnsucht der Wiener Moderne nach Harmonie und Schönheit inmitten des gesellschaftlichen Umbruchs widerspiegelt.
Mythologisch gesehen lässt sich das Bild als eine moderne Interpretation von Daphne und Apoll deuten. Doch im Gegensatz zur antiken Metamorphose, in der die Flucht im Vordergrund steht, zeigt Klimt eine ekstatische Verschmelzung. Die Geschichte des Bildes ist die Geschichte der Überwindung der Dualität. Der Mann ist durch harte, schwarze Rechtecke gekennzeichnet, die Verstand und Kraft symbolisieren; die Frau durch bunte, weiche Kreise, die für Emotion und Fruchtbarkeit stehen. In ihrer Umarmung lösen sich diese Gegensätze auf. Es ist eine Kosmogonie der Liebe, die über das Individuelle hinausgeht und das Paar in eine göttliche Aura hüllt.
Die Technik Klimts ist von beispielloser Opulenz. Er kombinierte Ölfarbe mit Blattgold, Blattsilber und sogar Platin. Die ornamentalen Flächen sind oft plastisch ausgearbeitet (Impasto), sodass das Bild je nach Lichteinfall seine Erscheinung verändert. Diese Materialität verleiht dem Werk einen Fetischcharakter und rückt es in die Nähe religiöser Reliquien. Die zarte, fast naturalistische Malerei der Hautpartien steht in scharfem Kontrast zur flächigen, abstrakten Gestaltung der Gewänder. Dieser Bruch zwischen Realismus und Abstraktion ist das eigentliche Markenzeichen von Klimts reifem Stil.
Psychologisch thematisiert "Der Kuss" die totale Hingabe und den Verlust des Ichs im anderen. Die geschlossenen Augen der Frau und ihre kniende Haltung signalisieren einen Zustand der Trance oder des tiefen Vertrauens. Der Mann, dessen Gesicht dem Betrachter verborgen bleibt, wirkt beschützend, aber auch besitzergreifend. Der blühende Abgrund, auf dem sie verweilen, erinnert an die Prekarität des Glücks – eine Insel der Seligkeit über dem Abgrund des Daseins. Es ist eine Ästhetik des Eros, die als Antwort auf die Todesangst und die Fragmentierung der modernen Seele fungiert, ein Moment der Ewigkeit im Fluss der Zeit.
Ein tiefes Geheimnis des Bildes ist die chemische Zusammensetzung der Goldauflage. Klimt verwendete acht verschiedene Goldlegierungen, um subtile Farbunterschiede zu erzielen. Neuere Röntgenfluoreszenzanalysen zeigten, dass unter der Goldschicht komplexe Farbschichten liegen, die Klimt wieder verwarf, um die flächige Wirkung zu verstärken. Ein weiteres Rätsel ist die Identität der Frau. Lange Zeit galt Emilie Flöge als sicher, doch Klimt selbst bestritt stets, Porträts in seinen Allegorien zu malen. Die Frau im Bild ist eher ein Idealbild der Weiblichkeit als eine spezifische Person.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben zudem ergeben, dass Klimt Graphitstifte verwendete, um die feinen Konturen der Ornamente direkt auf das Blattgold zu zeichnen – eine Technik, die keine Fehler verzeiht. In den Archiven der Belvedere wurde ein Brief gefunden, der belegt, dass das Werk bereits vor seiner Fertigstellung für die enorme Summe von 25.000 Kronen gekauft wurde, was damals ein Weltrekord war. Dies zeigt die immense Bedeutung, die dem Werk von Anfang an beigemessen wurde. Es sollte die nationale Identität Österreichs durch die Kunst festigen.
Ein weniger bekanntes Detail ist das "Hortus Conclusus"-Motiv (der verschlossene Garten) am Fuße des Paares. Die Blumen auf der Wiese sind botanisch präzise dargestellt (Vergissmeinnicht, Gänseblümchen), was im Kontrast zur Abstraktion des Goldgrundes steht. Forscher vermuten, dass Klimt hier auf mittelalterliche Mariendarstellungen anspielt, um die sakrale Dimension der menschlichen Liebe zu unterstreichen. Das Bild ist somit eine säkulare Ikone, die religiöse Bildsprache nutzt, um das menschliche Verlangen zu heiligen und in den Rang des Göttlichen zu heben.
Schließlich offenbart die Analyse der Leinwandstruktur, dass Klimt die quadratische Form bewusst wählte, um eine absolute Zentrierung zu erreichen. Jede Linie, jedes Quadrat und jeder Kreis ist mathematisch so platziert, dass das Auge des Betrachters immer wieder zum Kontaktpunkt der Köpfe zurückkehrt. Die Komposition ist ein geschlossenes System der Harmonie. Das Geheimnis seiner Wirkung liegt in der Balance zwischen Überfluss und Strenge, zwischen der Schwere des Goldes und der Leichtigkeit der floralen Elemente, die das Paar wie ein schwebendes Universum erscheinen lassen.
Premium werden.
FreischaltenQuiz
Was unterscheidet die Muster auf der Kleidung des Mannes von denen der Frau?
Entdecken

