Antike150
Farnesischer Atlas
Unbekannt
Das Auge des Kurators
"Die in Basrelief auf dem Globus eingemeißelten Sternbilder, das unter der Anstrengung gebeugte Knie und die herkulische Anatomie des Titans."
Die älteste erhaltene Darstellung der Himmelskugel, getragen von einem Atlas, der sich unter der Last des antiken Wissens beugt.
Analyse
Der Farnesische Atlas ist eine römische Marmorkopie aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., wahrscheinlich nach einem hellenistischen Original. Dieses Werk ist nicht nur wegen seiner plastischen Qualität einzigartig, sondern vor allem, weil es den ältesten vollständigen Himmelsglobus der Antike darstellt. Es zeigt den Titanen Atlas, der von Zeus nach der Titanomachie dazu verurteilt wurde, das Himmelsgewölbe für alle Ewigkeit auf seinen Schultern zu tragen. Der historische Kontext seiner römischen Entstehung zeugt von der imperialen Faszination für die griechische Wissenschaft und die Kartierung des Himmels.
Der Stil der Skulptur ist dem hellenistischen Barock zuzuordnen, der durch übersteigerte Muskulatur und einen Ausdruck dramatischer Spannung gekennzeichnet ist. Der Körper des Atlas ist ein anatomischer Katalog der Anstrengung: Die Torso-Muskeln sind angespannt, die Adern scheinen unter dem Marmor zu pulsieren, und das Gesicht drückt eine göttliche Müdigkeit aus. Die Technik der Marmorbearbeitung ist beispielhaft und wechselt zwischen glatten Oberflächen für die Haut und präzisen Reliefs für die Sternbilder, wodurch ein Kontrast zwischen sterblichem Fleisch und der Abstraktion des Himmels entsteht.
Auf mythologischer Ebene ist Atlas der Sohn von Iapetos und Themis. Seine Strafe ist eine Metapher für die notwendige Trennung zwischen Himmel und Erde. In diesem Werk ist das "Gewicht" nicht nur physisch, sondern metaphysisch. Atlas trägt das Wissen des Kosmos, eine Last, die ihn ebenso erdrückt wie erhebt. Die Erklärung des Mythos vermischt sich hier mit der Psychologie der Resignation: Im Gegensatz zu einem triumphierenden Sieg sehen wir hier eine ewige Ausdauer. Es ist die Darstellung der Menschheit (durch den Titanen) angesichts der Unermesslichkeit des Universums.
Schließlich muss das Werk in seinem museographischen Kontext verstanden werden. Lange Zeit im Besitz der Familie Farnese, symbolisierte es die Beherrschung des Wissens und der Welt. Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass der Globus so geneigt ist, dass er der Sicht auf den Himmel vom antiken Griechenland aus entspricht. Es ist eine perfekte Verschmelzung von Kunst, Religion und Wissenschaft, wobei der Körper des Titanen als Sockel für die Summe des menschlichen Wissens der Kaiserzeit dient.
Eines der größten Geheimnisse des Farnesischen Atlas liegt in seiner astronomischen Präzision. Im Jahr 2005 deutete eine eingehende Analyse darauf hin, dass die Positionen der Sternbilder auf dem Globus dem verlorenen Sternkatalog von Hipparchos entsprechen, dem größten Astronomen der Antike (ca. 129 v. Chr.). Wenn diese Hypothese zutrifft, ist die Skulptur mehr als ein Kunstobjekt ein "wissenschaftliches Dokument", das eine Himmelskartierung bewahrt, die wir für immer verloren glaubten.
Eine weitere Anekdote betrifft die restaurierten Teile. Bei der Entdeckung fehlten der Kopf des Atlas sowie Teile der Arme. Die Restaurierungen des 16. Jahrhunderts wurden so geschickt integriert, dass sie Experten lange Zeit täuschten. Zudem fehlt ein entscheidendes Sternbild auf dem Globus: die Waage. Zur Zeit des griechischen Originals wurde die Waage noch nicht als eigenständiges Tierkreiszeichen betrachtet, sondern als die "Scheren des Skorpions", was das hohe Alter der verwendeten kartographischen Quelle bestätigt.
Ein Geheimnis bleibt auch der ursprüngliche Standort der Statue. Man vermutet, dass sie die Bibliothek des Trajansforums oder einen der Wissenschaft gewidmeten Tempel schmückte. Die Sphäre selbst ist stellenweise hohl, um das Gewicht auf den Schultern zu verringern – eine antike Ingenieursleistung. Mikroskopische Spuren deuten darauf hin, dass der Globus einst bemalt war, wobei die Sterne vielleicht mit Blattgold hervorgehoben wurden, was den Anblick des Himmelsgewölbes im Fackelschein absolut blendend gemacht hätte.
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Was trägt Atlas auf seinen Schultern?
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