Das spektakulärste Geheimnis der jüngeren Kunstgeschichte betrifft den "verborgenen Cupido". Über zwei Jahrhunderte lang war die Wand hinter der jungen Frau leer, bedeckt von einer grauen Farbe, von der man annahm, sie stamme von Vermeer. Erst 2017 bewiesen Röntgenfluoreszenzanalysen, dass diese Übermalung lange nach dem Tod des Künstlers aufgebracht wurde. Die Entscheidung, diese Schicht 2021 zu entfernen, war ein Meilenstein: Sie enthüllte einen Liebesgott, der nun fast ein Drittel der Wand einnimmt und das chromatische Gleichgewicht sowie die verborgene Bedeutung des Bildes radikal verändert.
Ein weiteres Rätsel liegt in der optischen Genauigkeit der Szene. Historiker vermuten, dass Vermeer eine Camera Obscura benutzte, um diese Präzision in den Reflexionen zu erreichen. Studien haben jedoch gezeigt, dass die Spiegelung des Gesichts im Glas im Verhältnis zum Winkel der jungen Frau physikalisch unmöglich ist. Vermeer hat also wissentlich gegen die Gesetze der Physik verstoßen, um den poetischen Effekt des Doppelgängers zu verstärken. Dies beweist, dass sein Genie über die bloße mechanische Reproduktion der Realität hinausging, um einer höheren künstlerischen Vision zu dienen.
Die Provenienz des Bildes ist ebenfalls von faszinierenden historischen Irrtümern geprägt. Beim Kauf für die Sammlung des Kurfürsten von Sachsen im Jahr 1742 wurde das Werk Rembrandt zugeschrieben, da Vermeers Name völlig in Vergessenheit geraten war. Später wurde es sogar Pieter de Hooch zugeschrieben. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts identifizierte der Kritiker Thoré-Bürger Vermeers einzigartige "Manier". Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Bild in einem Tunnel versteckt, bevor es von den Sowjets als Kriegstrophäe nach Moskau gebracht wurde.
Schließlich birgt das Stillleben im Vordergrund eigene botanische und symbolische Geheimnisse. Die Schale aus Porzellan enthält Pfirsiche und Äpfel, von denen einige angeschnitten oder verdorben sind. In der holländischen Ikonographie beziehen sich diese Früchte oft auf den Sündenfall, aber hier deutet ihre Nähe zum Brief und zum Cupido eher auf die Zerbrechlichkeit des irdischen Lebens gegenüber der Beständigkeit der spirituellen Liebe hin. Die Technik, mit der der Glanz des Porzellans durch kleine Tupfer aus reinem Bleiweiß wiedergegeben wird, bleibt eines der am häufigsten zitierten Beispiele für Vermeers Meisterschaft.