Das erste Geheimnis liegt in Friedrichs visuellen Quellen. Da er nie in die Arktis gereist war, fertigte er im Winter 1820-1821 genaue Studien von Eisblöcken an, die auf der Elbe bei Dresden trieben. Diese Fragmente vergrößerte er dann gedanklich zu monumentalen Dimensionen. Es ist also ein Bild der Erinnerung und der Phantasie, aufgebaut auf einer lokalen Beobachtung, die durch eine kosmische Vision verklärt wurde.
Ein wichtiges technisches Geheimnis betrifft die Farbpalette. Friedrich verwendete äußerst subtile Mischungen aus Blau-, Braun- und Gelbtönen, um zu verhindern, dass das Eis einfach nur weiß oder blau erscheint. In Wirklichkeit teilen sich der Himmel und das Eis identische Pigmente, wodurch eine atmosphärische Einheit entsteht, die die Vorstellung verstärkt, dass die Welt in einem einzigen thermischen Zyklus gefangen ist. Diese chromatische Verschmelzung war den impressionistischen Forschungen über reflektiertes Licht weit voraus.
Ein ikonographisches Geheimnis liegt im ursprünglichen Titel. Oft mit einem einfachen Schiffbruch verwechselt, bezog sich der Titel "Das Eismeer" auf ein verschollenes Werk oder ein umfassenderes Konzept von "Das Ende der Hoffnung". Das Wrack des Schiffes ist bewusst an den Rand des Blicks gerückt, so dass das eigentliche Thema nicht das Schiffsunglück ist, sondern die geometrische Anhäufung des Eises, die die mineralische Struktur zum eigentlichen Protagonisten macht.
Schließlich wissen nur wenige, dass Friedrich eine versteckte autobiographische Dimension integriert hat. Das Trauma vom Tod seines Bruders, der vor seinen Augen beim Schlittschuhlaufen ins Eis einbrach und ertrank, verfolgt dieses Werk. Das Eis ist nicht nur eine politische oder ästhetische Kulisse; es ist das mörderische Element, das die Psyche des Künstlers für immer geprägt hat und dieses Bild zu einem persönlichen Exorzismus ebenso wie zu einem öffentlichen Meisterwerk macht.