Romantik1843

Der Tempel von Segesta

Thomas Cole

Das Auge des Kurators

"Der unvollendete dorische Tempel von Segesta, einsam auf einem Hügel stehend, umgeben von wilder Vegetation, die ihre Rechte zurückzufordern scheint."

Eine melancholische Reise ins Herz des antiken Siziliens, in der Thomas Cole die Beständigkeit griechischer Architektur der Vergänglichkeit menschlicher Zivilisation gegenüberstellt.

Analyse
1843 während Thomas Coles zweiter Europareise gemalt, ist "Der Tempel von Segesta" ein Schlüsselwerk seiner Reifezeit. Historisch gesehen wendet sich Cole in dieser Zeit von rein amerikanischen Landschaften ab, um die Wurzeln der westlichen Zivilisation zu erkunden. Sizilien mit seinen Ruinen bot das ideale Theater für seine zyklische Geschichtsphilosophie. Der Tempel ist ein Monument menschlichen Ehrgeizes und seines unvermeidlichen Falls. Die mythologische Analyse wurzelt in der Identität von Segesta, der Stadt der Elymer, die von den Trojanern abzustammen glaubten. Der Tempel selbst trägt den "Mythos der Unvollendetheit": Die Säulen wurden nie kanneliert, Zeugnis eines Krieges mit Selinunt. Cole verleiht dem Werk eine psychologische Dimension, die den Betrachter zur einsamen Kontemplation zwischen dem Geist des Künstlers und den Schatten der Antike einlädt. Technisch nutzt Cole eine Palette aus erdigen und goldenen Tönen, die das warme Licht des Mittelmeers einfangen. Sein Pinselstrich ist präzise bei der Architektur, wird aber freier bei den Bergen im Hintergrund. Ein Einfluss von Claude Lorrain ist in der atmosphärischen Lichtführung erkennbar. Der Kontrast zwischen dem Stein und der Sanftheit der Gräser illustriert den Kampf zwischen Kultur und Natur. Das Werk erkundet das Gefühl des "Erhabenen". Cole will nicht nur einen Ort dokumentieren, sondern eine metaphysische Emotion auslösen. Der Himmel ist hier von trügerischer Heiterkeit und unterstreicht die Stille nach den Stürmen der Geschichte. Der Tempel wird zur Brücke zwischen Neuer und Alter Welt und drückt Coles Sorge um die Zukunft der amerikanischen Demokratie aus.
Das Geheimnis
Ein Geheimnis liegt in Coles topografischer Präzision. Obwohl das Werk idealistisch erscheint, fertigte Cole 1842 Skizzen vor Ort an, teils mit einer Camera lucida. Er betonte jedoch bewusst die Isolation des Tempels und ließ Zeichen ländlichen Lebens weg, um den Ort in eine rein spirituelle pastorale Vision zu verwandeln. Infrarotanalysen enthüllten Korrekturen am Berg Eryx im Hintergrund. Cole malte zunächst steilere Berge, bevor er sie abmilderte. Zudem vermuten Historiker, dass dieses Bild eine Antwort auf seine Serie "The Course of Empire" war. Wo diese Serie gewaltsame Zerstörung zeigte, zeigt Segesta stilles Beharren, eine Form der Versöhnung mit der Zeit. Eine wenig bekannte Anekdote verbindet das Werk mit Coles Bewunderung für Lord Byron. Der Tempel wird wie ein byronischer Charakter behandelt: edel, einsam und von tragischer Vergangenheit gezeichnet. Die Wildblumen am Fuß der Säulen symbolisieren das neue Leben, das aus dem Tod von Imperien entsteht – ein organisches Geschichtskonzept, das Cole bis zu seinem Tod verfolgte.

Premium werden.

Freischalten
Quiz

In welcher italienischen Region befindet sich der echte Tempel von Segesta?

Entdecken
Institution

New-York Historical Society

Standort

New York, Vereinigte Staaten