Barock1657

Lucretia

Guido Cagnacci

Das Auge des Kurators

"Der milchig-weiße Körper in der Diagonale, der Dolch gegen die Brust gepresst und ein Ausdruck ekstatischen Schmerzes."

Der Höhepunkt des erotisch-tragischen Barock: Lucretias Opfer, sublimiert durch radikalen Naturalismus und dämmeriges Licht.

Analyse
Guido Cagnaccis "Tod der Lucretia" ist eine erschütternde Interpretation einer römischen Gründungssage. Lucretia wählt nach ihrer Vergewaltigung den Freitod, um ihre Ehre zu bewahren. Cagnacci konzentriert sich auf die psychologische Intimität des Dramas und macht den weiblichen Körper zum Schauplatz einer absoluten Tragödie. Die Stilistik offenbart eine Synthese aus caravaggeskem Chiaroscuro und venezianischer Sinnlichkeit. Die Darstellung des Fleisches ist von verstörendem Naturalismus, fast haptisch, und entfernt sich von der klassischen Idealisierung. Der historische Kontext des Spätbarock erlaubt die Erkundung emotionaler Grenzbereiche. Cagnaccis Technik zeichnet sich durch subtile Lasuren aus, die der Haut eine mondartige Leuchtkraft verleihen. Der mythologische Kontext wird durch eine kühne Psychologie verklärt. Lucretia ist keine distanzierte Heldin, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, deren Nacktheit ihre Verletzlichkeit betont. Die Spannung zwischen der Begierde, die der Körper weckt, und dem Entsetzen über die Tat erzeugt ein faszinierendes Unbehagen. Das Werk reflektiert Ehre und Weiblichkeit unter dem Prisma der Gegenreformation. Die technische Meisterschaft zeigt sich in der Wiedergabe der Texturen: schwere Stoffe und poliertes Metall. Das Licht aus einer niedrigen seitlichen Quelle formt die Volumina mit chirurgischer Präzision. Dies verwandelt das Bild in eine erstarrte Theaterszene kurz vor dem fatalen Stoß. Es ist eine Meditation über die Endlichkeit, in der die physische Perfektion bereits vom Schatten des Todes gezeichnet ist.
Das Geheimnis
Ein durch wissenschaftliche Analysen enthülltes Geheimnis betrifft die "Pentimenti" des Künstlers an der Position des linken Arms. Eine Anekdote verbindet das Werk mit Cagnaccis skandalösem Leben. Infrarotstudien deuten darauf hin, dass Lucretias Gesicht das Porträt eines realen Modells aus venezianischen Kreisen ist. Das Geheimnis um den ursprünglichen Auftrag lässt auf eine sehr exklusive Privatsammlung schließen.

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Welchen radikalen Bruch vollzieht Cagnacci gegenüber klassischen Darstellungen der Lucretia?

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Institution

Musée des Beaux-Arts

Standort

Lyon, Frankreich