Barock1599

Narziss

Caravaggio

Das Auge des Kurators

"Das hervorstechende Knie, das die Dunkelheit durchbricht, die Hände, die einen unmöglichen Kontakt zum Wasser suchen, und das melancholische Gesicht."

Höhepunkt des Chiaroscuro: Caravaggios Narziss fängt den tragischen Moment der Selbstfaszination ein, in dem das Spiegelbild zur tödlichen Grenze wird.

Analyse
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gemalt, verkörpert dieser Narziss Caravaggios naturalistische Revolution im barocken Rom. Der Maler entfernt sich von traditionellen bukolischen Darstellungen des Ovid-Mythos und konzentriert sich auf eine radikale, dunkle Introspektion. Der Stil ist geprägt von einem energischen Tenebrismus, bei dem Formen aus einem tiefen Schwarz hervortreten und die Leere symbolisieren, die das Ego umgibt. Auf mythologischer Ebene interpretiert Caravaggio Ovids Metamorphosen mit frappierender Sparsamkeit der Mittel. Narziss, von Nemesis bestraft, ist dazu verdammt, zu lieben, ohne besitzen zu können. Die Erklärung des Mythos ist hier eine tragische Zirkularität: Der junge Mann betrachtet nicht nur sein Spiegelbild; er schließt sich in eine visuelle Schleife ein, aus der er nicht entkommen kann. Die Psychologie ist die tiefer Melancholie. Caravaggios Technik basiert auf einem dichten Farbauftrag und einer meisterhaften Beherrschung des künstlichen Lichts. Das Chiaroscuro dient nicht nur der Modellierung von Volumen, sondern isoliert das Subjekt von jedem räumlichen Kontext, was den Eindruck eines mentalen Raums verstärkt. Narziss' blasse Haut kontrastiert mit den luxuriösen Stoffen seines Gewandes. Schließlich fungiert das Werk als Metapher für die Malerei selbst. Für Caravaggio ist Narziss der mythische Erfinder der Malerei: derjenige, der versucht, ein Bild auf einer flachen Oberfläche zu fixieren. Der Künstler projiziert sich selbst in Narziss, wohlwissend, dass seine Kunst nur ein Spiegelbild ist. Die Dunkelheit unterstreicht die Zerbrechlichkeit der Schönheit gegenüber Zeit und Tod.
Das Geheimnis
Die Zuschreibung an Caravaggio war lange umstritten, bevor sie im 20. Jahrhundert akzeptiert wurde. Ein faszinierendes Geheimnis liegt in der Röntgenanalyse, die zeigt, dass das Gesicht im Spiegelbild eine leicht gealterte Version ist, als ob das Wasser bereits den Verfall des Fleisches offenbaren würde. Ein weiteres Detail: Historiker glauben, dass Caravaggio einen horizontalen Spiegel benutzte, um diese Szene zu malen. Es ist eines seiner wenigen Bilder ohne dekorative Elemente, was für die damalige Zeit unglaublich kühn war und die moderne Kunst vorwegnahm. Chemische Analysen zeigen die Verwendung von Knochenschwarz, um diese Tiefe zu erzeugen. Das Bild wurde 1913 von Roberto Longhi wiederentdeckt, der sofort die Hand des Meisters hinter dem Schmutz der Jahrhunderte erkannte.

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Institution

Palazzo Barberini

Standort

Rome, Italien