Eines der größten Geheimnisse dieses Bildes ist, dass es nach einer Zeit gemalt wurde, in der Vincent das Berühren seiner Pinsel untersagt war. Seine Ärzte fürchteten, die Malerei sei die Ursache seiner Halluzinationen. Als er schließlich die Erlaubnis erhielt, war dieses Bild sein erster Akt der Freiheit. Er beschrieb es als eine "Studie meiner selbst", doch die Schnelligkeit der Ausführung deutet auf eine lebensnotwendige Dringlichkeit hin.
Ein technisches Geheimnis liegt in der Verwendung von Gelb. Unter den blauen Schichten des Hintergrunds haben Analysen Spuren von gelben Pigmenten enthüllt, die Van Gogh bewusst übermalt hat. Diese Entscheidung ist entscheidend: Er entfernte die Wärme der Sonne, um eine nächtliche, spirituelle Atmosphäre zu schaffen. Dies beweist, dass das chaotische Erscheinungsbild des Hintergrunds eine durchdachte Konstruktion und kein bloßer Ausbruch ist.
Das Bild verbirgt auch ein Detail über Vincents Ohr. Zu dieser Zeit war das verstümmelte linke Ohr noch immer ein Trauma. In diesem Porträt präsentiert sich Van Gogh im Dreiviertelprofil von rechts und verbirgt bewusst sein abgeschnittenes Ohr. Das ist nicht nur Ästhetik, sondern der Versuch, seine körperliche Integrität vor der Welt wiederherzustellen. Er will als ganzer Mann und ernsthafter Künstler gesehen werden.
Ein Geheimnis bezüglich der Materialität betrifft die Pigmente. Van Gogh verwendete experimentelle Farben, die mit der Zeit verblassen. Das Türkis, das wir heute sehen, war ursprünglich wahrscheinlich viel lebhafter und näher an Smaragdgrün. Diese chemische Veränderung bedeutet, dass wir eine "besänftigte" Version dessen sehen, was 1889 eine fast unerträgliche Explosion von Farben gewesen sein muss.
Schließlich gibt es eine historische Kontroverse über den Verbleib des Bildes. Van Gogh hing sehr an diesem Selbstporträt und nahm es kurz vor seinem Tod mit nach Auvers-sur-Oise. Es heißt, der so starre Blick sei nicht für den Betrachter gedacht gewesen, sondern für Van Gogh selbst – als Realitätstest, um jeden Morgen zu überprüfen, ob er noch "da" sei.